Balaton (Reisebericht aus YACHT Heft 5/1999 von Bodo Müller)

Ungarns großer Binnensee ist fast wie ein kleines Meer. Mit Temperaturen wie in der Karibik, sauberen Häfen und moderaten Preisen. Umgeben von berühmten Weinbergen. Leichter, auflandiger Wind beschleunigt den Klassiker nahe Badacsony. Dann heißt es hinaus aus dem Hafen und Segel setzen. Kaum Schutz bietet die Fingerpier von Szigliget. Hier sollte man nur bei West bis Nordwest anlegen.

Das Thermometer am Clubhaus des Seglerhafens Balatonfüred zeigt 34 Grad im Schatten. über ihm wölbt sich strahlend blauer Himmel. Nur wenige Wolkenfetzen im Westen geben Hoffnung auf etwas Wind. Badehose und Bikini sind die Gesellschaftskleidung im Clubrestaurant, auf der Pier und an Bord sowieso. Neben der Bar spielt eine Jazzband, die Stimmung ist ausgelassen. Yachtvercharterer Peter Fekete hat uns eine nagelneue ungarische Top 34 übergeben.
Auf der Seekarte für den Balaton (ungarisch für Plattensee) sind nicht nur Tiefenlinien und wichtige nautische Angaben, sondern auch Weinberge und Weinkeller eingezeichnet. Während wir den Motor starten, löst Peter die Festmacher und ruft uns hinterher: "Das schönste Stück Ungarn ist der Weinberg Badacsony. Fragt nach dem Keller der Elisabeth. Da gibt es einen besonderen Wein, den 'Grauen Mönch'."
Wir passieren die enge Hafenausfahrt. Hier herrscht reger Verkehr. Ob Strandkatamaran oder 13—Meter—Yacht — viele Boote steuern unter Segeln wie in Zeitlupe hinein oder heraus und sogar bis in die Box. Dabei liegen die Stege enger als in den meisten deutschen Marinas.
Gleich hinter den Molenköpfen stoppe ich die Maschine, denn von meinem ersten Balaton—Törn vor fast zwanzig Jahren weiß ich: Hier gilt Motorverbot. Dennoch wollen wir in einer Charterwoche möglichst viele Facetten des ungarischen Binnenmeeres sehen. Schade nur, dass allenfalls eine leichte Brise das spiegelglatte, türkisblaue Wasser kräuselt.
Unser Tagesziel ist im Westen die nur vier Kilometer entfernte Halbinsel Tihany. Auf deren Fels thront in 219 Metern Höhe die am meisten fotografierte Kirche Ungarns. Da wir unter Segeln weniger als einen Knoten Fahrt machen, klappen wir dem Beispiel ungarischer Crews folgend die Badeleiter herunter, springen vom Bugkorb ins nahezu badewannenwarme Nass und klettern achtern wieder an Bord. Abduschen erübrigt sich, denn das Wasser ist nicht nur sauber, sondern auch süß.
Vor dem Wind treiben wir Tihany entgegen, dankbar für jeden Hauch, der den Segeln etwas Form gibt. Der Berg von Tihany, an dessen Osthang weiße Villen in eine Parklandschaft eingebettet sind, ist für Einheimische und Urlauber ein bevorzugter Wohnort.
Wir steuern den Hafen der Fahrgastlinie Mahart an. Dort gibt es neben der Pier für Personenfähren einen Anleger für ein Dutzend Yachten. Wie die Nachbarboote machen wir mit Bug zum Kai und Heckanker fest. Die Wanderung bergauf zum Dorf bietet imposante Ausblicke auf das ungarische Meer. Oben auf dem Plateau ist der Besuch der Abtei ein Muss. Es ist eine der ältesten Kirchen Ungarns. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts besiedelten die Magyaren das Land um den Plattensee. König Endre I. ließ 1055 in Tihany die Kirche und ein Benediktinerkloster bauen. Es sind die ältesten Gebäude am Balaton. Um den Sakralbau gruppiert sich ein mittelalterliches Dorf. Vor den reetgedeckten Häusern bieten die Ungarn Töpferwaren, Paprika—Ketten und Wein aus eigenem Anbau an. Dazwischen locken kleine Weinstuben zum Verkosten des Rebensaftes direkt aus dem Fass. "Tihany ist scheenster Ort von die Welt", sagt ein alter Mann, an dessen Fass wir nicht vorbeigekommen sind.
Wenn man sich vorher darauf einigt, dass Ungarn das schönste Land der Welt ist, hat er möglicherweise recht. Wir sitzen auf Holzbänken im Freien, genießen kühlen Riesling und den Blick auf den See.
Am Abend liegen wir in der Yacht—Maria Tihany fest. Der kleine Hafen bietet den Komfort einer modernen Marina. Wie in Balatonfüred ist alles sauber und gepflegt, nur wesentlich ruhiger. Viele Boote sind Dauerlieger aus Budapest, Süddeutschland oder österreich. Wir bezahlen den pauschalen Liegeplatzpreis von 1500 Forint, etwa 13 Mark, sowie 300 Forint pro Person.
Gegenüber der Marina frage ich in einer Pension namens 'Tihany Gyönygye Villa', welches Gasthaus in Tihany zu empfehlen ist und wo man ein Taxi für den Weg bergauf bestellen kann. Anstatt eine Antwort zu geben, überlegt Andras, der Inhaber der Pension, nicht lange und fährt uns in drei Minuten die kurvenreiche Piste hinauf bis ins 'Ciprian', ein Restaurant mit Atrium. Geld will unser Fahrer dafür nicht. Statt dessen lädt er uns zum Frühstück in seine Pension ein. Im 'Cyprian' ordern wir eine Balaton—Fischplatte für drei Personen, Salate und Beilagen. Barsch, Hecht und Zander sind exzellent zubereitet und die Portionen so reichlich, dass wir sie nicht schaffen. Am Ende zahlen wir inklusive drei Krügen Riesling 4300 Forint, etwa 37 Mark.

Nach ausgiebigem Frühstück am nächsten Tag in der Gyönygye—Villa setzen wir die Segel. Mit auflandigem Morgenwind passieren wir die nur 1200 Meter breite Enge bei Tihany. Autofähren pendeln hin und her. Doch dann ist der Wind wie abgestellt. Im 26 Grad warmen Wasser schwimmen wir schneller, als das Boot segelt. Und unser Tagesziel, der Weinberg Badacsony, liegt 30 Kilometer westlich. Er ist im Dunst nicht mal zu erahnen. Wenn wir weiter in der Flaute dümpeln, brauchen wir eine Woche bis zum berühmtesten Weinberg des Landes.
Wir haben einen Einbaudiesel — sollen wir ihn verbotenerweise starten? 1979 wurde das Motorverbot streng gehandhabt, doch als zwei Yachten unter Maschine näher kommen, werfen wir den Diesel an, rollen die Genua weg und lassen als Alibi das Groß stehen. Die Polizei auf dem See zeigt kein Interesse an uns.
Um 22 Uhr steuern wir im letzten Licht in den Hafen unterhalb des Weinbergs. Am Gästesteg bekommen wir einen Liegeplatz. Auch hier wird mit Bug zum Steg und Heckanker festgemacht, allerdings für satte 4000 Forint, obwohl auch dieser Hafen der Mahart gehört. http://www.caravella.de
Im Clubgebäude gibt es eine Bar, einen Bootsshop, das Hafenmeisterbüro und sanitäre Einrichtungen. Der Schock: Toiletten und Duschen sind primitiv, eng und atmen noch den Charme des Sozialismus.
Der einzige Grund, in der Marina zu bleiben, ist der Weinberg Badacsony. Schon die Römer sollen hier Reben gepflanzt haben. Vorbei an Weinkellern, die auf deutsch zur Verkostung laden, steigen wir zum 'Róza—Szegedy—Haus' hinauf, einem volkstümlichen Barockhaus mit Bogengang, und weiter zum Keller Elisabeth. Vor dem steinernen Häuschen ranken Weinstöcke über eine Terrasse aus gestampftem Lehm. Im Schatten des Weinlaubs stehen alte Holztische und —bänke, in die Generationen fröhlicher Zecher ihre Namen eingravierten. Durch das Steinhaus gelangt man in den niedrigen Stollen, der voll ist mit alten Holzfässern.
Ein alter Ungar hebt goldgelben Wein und füllt ihn in Steingutkrüge. "Elisabeth war meine Mutter", sagt der Weinbauer, sie ist schon lange tot. "Aber den Grauen Mönch mache ich genauso wie sie." Er füllt jedem von uns einen Steingutbecher zum Probieren. Der liebliche Graue Mönch, der hier auf heißem Basaltstein reift und vor Ort gekeltert wird, schmeichelt dem Gaumen. Der Name stammt aus dem Mittelalter", erklärt der Weinbauer. "Damals hatten sie aus Wien einen Klosterbruder hergeschickt, um uns im Glauben zu unterweisen. Der einsame Bruder liebte die sinnlichen Freuden. Nach einer durchzechten Nacht soll er ganz grau ausgesehen haben. Seitdem hat der Wein seinen Namen." Je höher die Sonne über den Balaton steigt, desto voller wird es vor dem Keller der Elisabeth. Es sind Sachsen, Thüringer und Bayern, die den Ort seit Jahren kennen und schon bald in fröhlichen Gesang verfallen. Krug auf Krug muss der Sohn der Elisabeth aus dem Keller holen. Für einen Liter verlangt er 200 Forint (1,70 Mark). Dazu gibt es selbstgebackenes Schwarzbrot — in Ungarn eine seltene Delikatesse. Die ofenwarmen Scheiben sind mit Schmalz bestrichen und mit grob geheckselten, scharfen Paprika bestreut. Unser Törn entlang der Nordküste des Balatons führt zwangsläufig zu weiteren Weinbergen.

Wir segeln sechs Kilometer westlich nach Szigliget. Auch diese offene Fingerpier ist Anleger für Mahart—Schiffe. Yachten dürfen an der Ostseite festmachen, entweder mit Bug oder mit Heck zur Pier. Hier kommt niemand zum Kassieren. WC und Wasseranschluss vom Passagierkai dürfen genutzt werden. Nur bei Ostwind möchte ich hier nicht liegen.
Nach 20minütigem Fußmarsch vorbei an schönen Einfamilienhäusern und kleinen Pensionen erreichen wir den größten Weinkeller Ungarns. Das 120 Meter lange Gewölbe von Szigliget beherbergt ein Weinmuseum und eine 40 Meter lange Gästetafel zwischen meterhohen Fässern. Serviert wird ein rustikales Abendbrot mit Wurst, Speck, Knoblauch und Paprika. Jeder Gast kann bei der Verkostung entscheiden, aus welchem Fass er seinen Rebensaft gezapft haben möchte.

Pfeifen in den Wanten und unruhige Schiffsbewegungen wecken uns am nächsten Morgen. Der Wind hat aufgefrischt, zum Glück aus Nordwest. An der Pier von Szigliget wiegt sich unser Boot im Seegang. Wir lösen die Festmacher und holen den Heckanker ein. Im Schutz der Weinberge segeln wir ostwärts nach ábráhamhegy. Es sind nur neun Kilometer bis dorthin, und wir haben achterlichen Wind. Der bläst mit 4 bis 5 Beaufort und lässt erahnen, dass der Balaton zeitweise auch ungemütlich sein kann.
Die Sicht hat sich so verschlechtert, dass das Südufer mit seinen Badeorten und sommerlichem Massentourismus nicht mehr ausgemacht werden kann. Doch wir finden sicher nach ábráhamhegy. Die neue Marina schützt bei allen Winden, allein, es fehlen noch einige Stege. Für die wenigen freien Boxen ist unser Boot zu breit; wir gehen längsseits an eine Schute.
Der Hafenmeister in ábráhamhegy ist ein etwas kauziger, älterer Mann, den wir Vater Abraham nennen. Er residiert samt Hund in einem Bauwagen neben dem Eingangstor und erklärt, die Sanitäranlagen seien noch nicht fertig. Wir möchten zum Duschen ins Freibad nebenan gehen. Als wir mit nassen Haaren zurückkommen, flüstert Vater Abraham: "Heute ist Mittwoch, da müsst ihr in die 'Rizapuszta' gehen, eine Stunde von hier, oben in den Bergen. Mittwochs ist Weinprobe, und die schönsten Zigeunerinnen tanzen für euch."
Welch eine Aussicht ... Als wir uns von Kellermeister Bartok verabschieden, einem 60jährigen Ungarn mit dickem Schnauzbart, Filzhut und wienerischem Dialekt, ist es längst dunkel. Morgen wird es Zeit, den Rücktörn anzutreten.

Bodo Müller